Viele fragen mich, was mir die Paralympics bedeutet haben, was das Besondere an London 2012 war, wo meine Highlights lagen?

Darauf will ich hier gerne Antwort geben. Vorweg vielleicht ein Statement was ich als Überschrift wählen möchte: "Wenn Träume Flügel bekommen, dann ist das Glück pur!"...das ist das, was ich erlebt habe, was mir immer bleiben wird!


Die Vorberichte zu den Paralympics 2008 in Peking (und die Vorberichte dazu) haben mich damals inspiriert, wieder mit dem Werfen anzufangen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt erst seit kurzem - durch einen ärztlichen Behandlungsfehler - im Rollstuhl gesessen, mein "altes Leben" war nahezug vollständig weg, und der Sport hat mir - im wahrsten Sinn des Wortes - ein neues Leben geschenkt. 

 

Es war zu diesem Zeitpunkt nicht mein Primärziel, dass ich - vier Jahre später in London - bei den Paralympics teilnehme und erfolgreich bin, ich wollte, dass es mir wieder besser geht, in jeglicher Hinsicht. 

 

Trotzdem war London 2012 natürlich schon mein persönlicher Traum, nachdem ich dann auch erfolgreicher wurde, wollte ich da selbstverständlich hin. Das schöne an dieser Geschichte ist, dass ich "nach den Sternen gegriffen habe" und zwei davon konnte ich mir fangen ;-)


Was war nun das Besondere für mich an London 2012?

Ich glaube, dass sich jeder etwas vorgestellt hat, wie es in London sein würde, für mich war es so, dass mir vieles wie im Traum vorkam, es war einfach "größer als man selbst" und jeder Tag hielt so viel Großartiges für einen bereit, dass das kaum richtig zu beschreiben ist. 

 

Die Briten und die vielen Freiwilligen haben diese Paralympics zu einem Event gemacht, das seinesgleichen sucht. Für mich absolut gleichranging mit den Olympischen Spielen und was mir persönlich viel bedeutet hat war, dass wir nie auf eine "Mitleidswelle geschwommen sind", da war immer Wertschätzung pur da. 

 

Ich habe mich seit London nicht mehr so als "normaler" Mensch gefühlt wie dort. Seit ich im Rollstuhl sitze habe ich mich in Deutschland oft zu etwas degradiert gefühlt, das ich nicht bin: einem bemitleidenswerten Menschen zweiter Klasse. Nun war ich in London und fühle mich wieder so wie vor dem Behandlungsfehler, weil alle einem dort das Gefühl gegeben haben, dass wir "Athleten" sind, keine Behinderten. 


Was war ein besonderes Highlight bei den Wettkämpfen?

Beim Speerwerfen hat meine Gruppe sehr lange gebracht, da waren alle anderen Wettkämpfe um uns herum schon abgeschlossen. Die Führende des Wettkampfes, in dem Fall ich, wirft im Endkampf als Letzte. 


So kam es, dass mich das ganze Stadion "eingeklatscht" hat. (Normalerweise macht man das ja nur bei stehenden Werfern oder Weit/Hochspringern mit Anlauf) Für mich ein absoluter Traum., denn ich hatte ja bereits als Kind/Jugendliche (stehend) geworfen und sowas wünscht man sich einfach einmal im Leben. 


Zu diesem Zeitpunkt hatte ich - im Prinzip - schon Gold gewonnen, aber die Unterstützung aller Zuschauer hat mich so beflügelt, dass ich dann im letzten Versuch noch einen neuen Weltrekord geworfen habe. Danach ist das Stadion regelrecht aufgebrandet. 

 

Das hat sich für immer bei mir eingebrannt und das Schöne ist, dass es sogar Videoaufnahmen genau von diesem Wurf gibt :-)

 

Das Kugelstoßen war auch ein schöner Wettkampf, aber ein Erlebnis dieser Art hielt er nicht bereit. 


Was geht einem bei einer Siegerehrung durch den Kopf?

Bei der Siegerehrung vom Speerwerfen, da hab ich aus voller Kehle die Nationalhymne mitgesungen, das hab ich nicht viel gedacht, das war einfach nur den Moment genießen, obwohl ich irgendwie den Eindruck hatte, dass es wie im Film abläuft. 

 

Bei der zweiten Siegerehrung dann, der vom Kugelstoßen, da hatte ich alles (und mehr) erreicht als ich mir vorgenommen und erträumt hatte. Da sitzt man dann, hat die "Maximalausbeute" (zwei Mal Gold mit zwei Mal Weltrekord) errungen und ist am Ziel dessen, worauf man so lange hingeschuftet hat. Da kamen dann einfach ein paar Freudentränchen, weil das so grandios war. 


Weiter hab ich schon daran gedacht, dass sich jetzt irgendwie ein Kreis schließt. Seit 2008 war mir der Sport der Motor, um mir ein neues Leben, überhaupt wieder einen Alltag aufzubauen. Ich habe 2007 sehr viel verloren und nun 2012 sitze ich in London und kann wenigstens innerlich damit Frieden schließen. (Dass der Kampf vor Gericht noch weitergeht, das ist eine andere Geschichte)


Was möchte ich sonst noch zu den Paralympics in London sagen?

Es gab so unendlich viel, das mich in London bei den Wettkämpfen, im olympischen Dorf und in etlichen Gesprächen mit Sportkollegen aus aller Welt beeindruckt und beschäftigt hat, das hier aber den Rahmen sprengen würde. 

Ein paar Dinge möchte ich aber dennoch herausgreifen:

 

Das olympische Dorf war für mich ein grandioser Ort der Begegnung und vor allem die Mensa, das war jedesmal ein Wahnsinnserlebnis. Man hatte im Prinzip 24 Stunden am Tag die Möglichkeit, Essen aus aller Welt zu genießen und es war echt super, was einem dort geboten wurde. Zudem sogar ein Wäscheservice, WLAN, Fitneßstudio, über sonstige mangelnde Freizeitangebote konnte man ebenfalls nicht klagen. Alles top organisiert. 

Die Möglichkeit, bei anderen Wettkämpfen im Stadion zuzuschauen, hab ich - wenn es mir möglich war - gerne wahrgenommen. Diese Atmosphäre war einfach nur genial. Gänsehaut pur und immer wieder die Briten, die mich begeistert haben.

mit meinem Vater im Dorf
mit meinem Vater im Dorf

Auch der Olympiapark - klasse. 
Weiter hat es mir sehr viel bedeutet, dass ich sogar 11 Menschen in London dabei hatte, die mich im Stadion angefeuert haben, die schon vorher "Feuer und Flamme für London" waren, und denen ich soviel bedeutet habe, dass sie sich auf den Weg zu den Paralympics gemacht haben. Nochmals herzlichen  Dank auf diesem Weg. 

Und dann war noch mein Trainer Joachim Lipske an meiner Seite, der Mensch, dem ich den Bärenanteil meiner Entwicklung in den letzten Jahren verdanke. Dass er diesen Erfolg, der auch seiner ist!, mit mir zusammen erleben durfte, das war für mich schon das Sahnehäubchen.